Wiederholung

Repetitio est mater studiorum – Wiederholung ist die Mutter des Lernens.

Wer kennt das nicht; Vokabeln, Daten, Formeln, Regeln etc. alles, was wir uns merken wollen, müssen wir wiederholen, immer wieder, oftmals scheinbar endlos.
Ist das wirklich nötig? Geht es nicht schneller? Können wir unserem Körper und den Muskeln nicht einfach Anweisungen geben, sobald wir verstanden haben, wie etwas sein soll?
Lernen, sowohl von Fakten (Zahlen, Vokabeln) als auch von Prozessen (Fahrradfahren, Schuhe binden) funktioniert aber nicht nach dem ja-nein-Prinzip, ist kein Schalter, den man umlegen kann, ist nicht digital sondern analog.

Auf neuronaler Ebene werden neue synaptische Verbindungen angelegt und gefestigt. Je häufiger eine neuronale Verbindung aktiviert wird – eben durch Wiederholung – desto schneller und stabiler wird sie. Wie ein Trampelpfad, der durch seine häufige Nutzung immer breiter wird und am Ende eine sprichwörtliche Autobahn darstellt.

Lernen ist das Bilden neuer neuronaler Netzwerke durch neue Erfahrungen oder neu gewonnene Einsichten und führt als Prozess zu Veränderung des Verhaltens, Denkens und Fühlens.
Die einleitende Redewendung könnte ebenso lauten „Studium est puer repetitionem“ (Lernen ist das Kind der Wiederholung).

Wenn die Wiederholung zum Lernen führt, heißt dies doch im Umkehrschluss, dass all das, was absichtlich oder unabsichtlich wiederholt wird, auch zum Lernen des Wiederholten führt. Das Gehirn unterscheidet dabei nicht, ob das jeweilige Lernergebnis angestrebt ist, oder nicht. Wir lernen, ob wir wollen oder nicht.
Aber wollen wir tatsächlich all das wirklich lernen, was wir ständig wiederholen?

Wenn die Art und Weise, in der wir wiederholen – sozusagen unsere Lernstrategie – auch in immer gleicher Weise wiederholt wird, dann lernen wir auf einer höheren logischen Ebene auch die Lernstrategie, also die Art und Weise, in der wir lernen.
Und nicht nur das.

Auch die Umstände, unter denen wir lernen, werden mitgelernt.
Vor dem drohenden Vokabeltest pauken wir nicht nur die Vokabeln, sondern die Angst unter der wir lernen wird mit den Inhalten verbunden und mitgelernt.
Wenn sich trotz häufiger Wiederholung nicht der gewünschte Erfolg einstellt, strengen wir uns mehr an. Wir tun mehr desselben und die Anstrengung wird mitgelernt.
Wer kann sich nicht an Sätze erinnern wie „…dann streng Dich mal an“ oder „gib Dir mehr Mühe“ usw. Wohl kaum jemand hat in solchen Situationen Zuspruch im Sinne von „entspann Dich“ oder „mach Dich mal locker“ erfahren.
Wir sind zutiefst bestimmt von der Vorstellung, daß Ziele durch Anstrengung erreicht und erarbeitet werden müssen. Ja sogar das die Qualität eines Ziels von der investierten Anstrengung abhängig ist (was nix kostet, taugt nix). Anstrengung wird quasi zur Bedingung für eine lohnenswertes Ziel – per aspera ad astra.
Geschenkt wird einem nichts. Und wenn doch, dann ist es nichts wert.
Hier nun ein anderes interessantes Zitat, das vermutlich zu unrecht A. Einstein zugeschrieben wird.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Wenn also etwas anders werden soll, müssen wir demnach auf andere Weise vorgehen.
Negativ formuliert könnte man sich auch die Frage stellen „ was müsste ich tun, damit alles so bleibt oder sogar noch schlimmer wird?
Und oft lautet die Antwort: Genau das gleiche wie bisher, oder noch mehr desselben.
Besonders anschaulich wird dieses Phänomen bei Problemlösungsversuchen auf nationaler oder internationaler Ebene (Klimaschutz, Entwicklungshilfe, Armut, Überbevölkerung etc.).

Zurück zur musikalischen Praxis. Was bedeutet das oben gesagte für das eigene Üben?
Wiederholung ist notwendig, aber nicht ohne innere Anteilnahme.
Nicht stupide, sondern mit wechselndem Focus zb auf Wahrnehmung von Lautstärke, Klang, Tempo, Phrasierung, Rhythmik, Körpergefühl.
Die äusseren Umstände werden mitgelernt.
Stress, Druck, Anstrengung bzw. Krafteinsatz, Schlampigkeit etc. und Fehler genauso wie die Angst vor Fehlern.
Um das zu vermeiden, kann es hilfreich sein, die Wahrnehmung nicht ausschließlich auf das „Was“ des Übens, also die Inhalte zu richten, sondern so oft wie möglich auf das „Wie“, die Art und Weise, in der wir tun was wir tun.
Und dann, können wir durch unser Verhalten und unsere eigene Praxis bestimmen, was „Repetitio est mater studiorum“ ist – die gute – oder die schlechte Nachricht.

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