Wie finde ich das richtige Gesangsmikrofon?

Das Internet ist voll mit Erklärungen zu den verschiedenen Mikrofonarten, deren Funktionsweisen, physikalischen Werten, etc. Schön und gut. In diesem Artikel möchte ich jedoch ganz konkret darin unterstützen, wie man herausfindet, welches Mikrofon zur eigenen Stimme und Person passt.

Ich gehe hier vom ganz normalen Musikeralltag aus. Soll heißen, man benutzt das Mikro bei Proben und Auftritten und will möglichst unkompliziert und ohne großes Gedöns loslegen. Für einen gescheiten Soundcheck reicht die Zeit meiner Erfahrung nach sowieso meist nicht. Manchmal muss er sogar komplett entfallen, wenn man z.B. im Foyer einer Tagung aufbaut, während im Vortragssaal noch referiert wird, oder eine Hochzeitsgesellschaft längst vor Ort ist, und man sich zwecks Abendunterhaltung unauffällig dazu mogeln soll: Tada!

Vorausgesetzt, Ihr hüpft nicht auf der Bühne herum, wie koffeingebadete Frösche, entfällt meiner Meinung nach die Option eines Funkmikros. Zu viele Schwachstellen, und der Sound toppt nicht den eines zuverlässigen, kabelgebundenen Mikrofons. Einziger Vorteil hier: Bewegungsfreiheit.

Und obwohl für mich in Bezug zu Klang und Impulstreue nichts über ein feinauflösendes Kondensatormikrofon wie das Audix VX-10 (Niere) oder Neumanns KMS-105 (Superniere) geht, ruht meines doch meist im sargähnlichen Holzkästchen.
Denn die Sensibilität, mit der es differenziert auch kleinste Nuancen unverfälscht wiedergibt, wird zum Problem im Live-Einsatz. Auf (normal) kleinen Bühnen kommt es schnell zu Übersprechungen und Rückkopplungen. Popgeräusche, Handgeräusche, Nebengeräusche, Trittschall, also auch Unerwünschte Signale werden übermittelt. Zudem sind Kondensatormikrofone empfindlich gegen Feuchtigkeit, können schnell kaputt gehen, sollten keinesfalls hinfallen. Statt mich in einer Gig-Pause zu entspannen, mußte ich oft bangend neugierige Kinder überwachen, die sich gerne in Abwesenheit der Musiker zielstrebig ans Equipment heranwagen…
Dass Kondensatormikros eine externe Stromversorgung (Phantomspeisung) benötigen, halte ich nicht wirklich für ein Problem. Sie sind für den rauen Bühnenalltag einfach nicht robust genug. Auf großen Bühnen mit wenig Umgebungsgeräuschen und einem ausführlichen Soundcheck für mich jedoch nach wie vor erste Wahl.

Trotzdem empfehle ich eindeutig den Kauf eines dynamischen Mikrofons. Dieses gibt den Klang nicht ganz so detailreich und unverfälscht wieder, wie ein Kondensatormikrofon, hat aber entscheidende Vorteile: Es ist robuster und rückkopplungsarm.

Doch auch innerhalb der dynamischen Mikrofone gibt es natürlich Unterschiede.
Um diese zu verstehen, müssen wir einen kurzen Blick auf deren “Innereien” werfen

Alle Gesangsmikrofone gehören zur Gruppe der Richtmikrofone.Die Unterschiede liegen in der Richtcharakteristik. Sie bestimmt, aus welcher Richtung Schall vom Mikrofon erfasst wird.
Nimmt das Mikro vorwiegend frontale Signale auf, oder verarbeitet es auch seitlich eindringende Geräusche? Dies ist abhängig vom Inneren des Mikrofons, der sogenannten Niere.
Es gibt Gesangsmikrofone mit Niere, Superniere oder Hyperniere.

Niere (weites Aufnahmefeld):

Vorteile:

  • rückkopplungsarm
  • hier können notfalls auch mal 2 Personen gleichzeitig reinsingen
  • wenig Nahbesprechungseffekt
  • wenig Poplaute und Zischgeräusche
  • einfaches Handling

Nachteile:

  • nicht durchsetzungsfähig in lauter Umgebung
  • Klangliche Verfärbungen
  • seitliche Umgebungsgeräusche werden mit aufgenommen

Mikrofontechnik: Unkompliziert. Das Mikro sollte nah, aber ohne Kontakt zu den Lippen sein. Es muss nicht exakt gerade auf den Mund ausgerichtet werden, da es den Schall auch seitlich aufnimmt.

Superniere & Hyperniere (schmaleres Aufnahmefeld):

Vorteile:

  • rückkoplungsarm
  • mehr Abstand zum Mikro möglich, z.B. wenn man zusätzl. ein Instrument spielt.
  • grenzt seitliche Umgebungsgeräusche gut aus
  • genauere Klangübertragung durch gezieltere Ausrichtung

Nachteile:

  • stärkerer Nahbesprechungseffekt
  • stärkere Poplaute und Zischgeräusche
  • empfindlich für von hinten eintreffenden Schall
  • erfordert eine differenziertere Mikrofontechnik

Mikrofontechnik: Tricky. Das Mikro sollte gerade mit einem Abstand von 5 – 15 cm vor dem Mund positioniert werden. Plosivlaute und Zischgeräusche können durch einen leicht seitlichen Winkel so abgeschwächt werden, dass sie normal klingen. Das braucht ein wenig Übung und Feingefühl.

Jetzt habt Ihr die wichtigsten Informationen und wir kommen zu den konkreten Tipps:

Tipp 1 Handling in Bezug zur Richtcharakteristik ausloten

Testet die Mikros aus unterschiedlichen Entfernungen und Winkeln.
Verwendet gezielt Text mit Pop- und Zischlauten.
Prüft die Stärke des Nahbesprechungseffektes.
(= Überbetonung tiefer Frequenzen im Nahbereich).
Checkt, ob Handgeräusche oder Trittschall übertragen werden.

Tipp 2 Klangeinfärbung wahrnehmen

Ich persönlich bevorzuge einen ungeschminkten, authentischen Klang. Wenn ein Mikro das Signal möglichst natürlich ohne Verfremdung übersetzt, ist es für mich eine technische Meisterleistung im Wandeln analoger Frequenzen in elektrische Spannung.
Zwar kann ich verstehen, wenn man der Verführung erliegt, ein Mikrofon zu erwerben, das die eigenen Klangmöglichkeiten scheinbar aufpeppt, doch stimmtechnisch gesehen kann dieser Selbstbetrug sogar zu einer Verschlechterung führen. Hochhackige Schuhe machen zwar angeblich sexy, sind aber suboptimal für die Wirbelsäule….

Um herauszufinden, ob, und wie stark ein Mikrofon den eigenen Klang verfremdet, singt am besten einen kleinen Songabschnitt -möglichst gleich- im Wechsel ohne, und mit Mikrofon.
Vergleicht außerdem, z.B. durch eine Tonleiter, wie höhere, mittlere und tiefe Lagen mit und ohne Mikro klingen. Klingt die Stimme durchgehend so, wie es erwünscht ist?
Achtung: Die Stimmlagen sollte man nicht verwechseln mit Höhen, Mitten und Tiefen eines Klangs! Hierbei handelt es sich um Frequenzbereiche innerhalb eines Tones. Diese können am Mischpult durch Anhebung oder Absenkung ausgeglichen werden. Obwohl Mischpult und Lautsprecher den Klang beeinflussen, steht die Wahl des richtigen Mikrofons an erster Stelle.
Achtet darauf, dass das Mikro beim Testen nicht zu laut eingestellt ist, da wir ja den Sound, und nicht die Lautstärke beurteilen wollen. Lautstärke an sich kann ganz schön was her machen! Davon sollten wir uns jetzt nicht blenden lassen.

Klangbeschreibung:
nasal / offen
hart / weich
hell / dunkel
mulmig / klar
dumpf / spitz
eng / weit

Tipp 3 Testet die Haptik. Wie fühlt sich das Mikro an?

Gewicht: zu schwer? zu leicht? angenehm?
Form: ergonomisch oder unhandlich?
Oberfläche: zu glatt? zu rau? guter Griff?

Tipp 4 Sing, as if nobody’s listening

Stimmen sind so individuell wie Fingerabdrücke. Es gibt kein Mikrofon, das zu allen Stimmen passt. Auch der Gedanke “billig klingt schlechter”, muss nicht zutreffen.
Jeder muss seinen eigenen Favoriten finden. Es lohnt sich, im Musikgeschäft Hemmungen über Bord zu werfen und ausführlich zu testen. Wer schüchtern und somit gebremst singt, verfremdet ja bereits das ausgehende Signal. Das geht nach hinten los.
Nur wenn man so singt, wie “in echt”, kann man letztlich beurteilen, ob das Mikrofon klanglich, haptisch, und in der Benutzung zu den eigenen Bedürfnissen passt.

Tipp 5 Ein/Aus Schalter am Mikrofon

Meiner Meinung nach unverzichtbar:
Der Ein/Aus Schalter am Mikrofon, oder alternativ als “Notnagel” ein XLR Kabel mit Neutrikstecker (eine Art Ring-Schalter).
Man sollte sich klar machen: Wenn das Mikro nonstop an ist, hört es permanent mit und überträgt Berührungen aller Art, Kontakt mit der Kleidung, den Schlag, wenn Ihr es auf das Stativ steckt, interne Absprachen, also einfach ALLES!

Tipp 6 Mikrofonklassiker testen

Im Folgenden findet Ihr eine Übersicht aktuell gängiger dynamischer Mikrofone der mittleren Preisklasse. Hier werdet Ihr sicher fündig.
Hinweis: Das “s” im Artikelnamen steht meist für Schalter.

Audio-Technica AE 6100 (Hyperniere)
Audix OM6 (Hyperniere)
AKG D7S (Superniere)
Beyerdynamik TG V50s (Niere), M88TG (Hyperniere)
EV ND76s (Niere), ND86 (Superniere)
Mipro MM-59 (Superniere)
Rhøde S1, M1-S (Niere)
Sennheiser E 935, E 945 (Niere)
Shure Beta 57 A oder 58 A, SM 85A (Superniere)
Telefunken M80 (Superniere), M81 (Superniere)

…im Mikrofon-Himmel…

Zu meinem Lieblingsmikrofon bin ich durch einen Tontechniker gekommen, der mir bei einem stürmischen Open Air Konzert ein Mikrofon anbot, das eigentlich für Straßen-Reporter entwickelt wurde, besonders robust ist, und gut Umgebungsgeräusche ausgrenzt. Für meine Stimme hat es zufällig klanglich perfekt gepasst. Und so singe ich seit 25 Jahren in ein Sprechermikrophon (Beyerdynamik M-59s).

Tipp 7 Es kann hilfreich sein, eine Begleitperson mit guten Ohren dabei zu haben

Tipp 8 Mikrofonkabel

Vergesst nicht, Euch ein XLR Kabel mit zu kaufen. Überlegt vorher, welche Länge sinnvoll ist. Falls das Mikro keinen Schalter hat, wäre eines mit Neutrikstecker ratsam.

Ich freue mich, wenn Ihr im Kommentarfeld von Euren Erfahrungen berichtet.
Für welches Mikro habt Ihr Euch entschieden?
Viel Experimentierfreude und Spaß beim Testen!

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