Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon zu spät?

Bin ich zu alt, um Singen zu lernen?

Diese Frage bekomme ich oft anfangs gestellt. Sie meint aber nicht immer das Gleiche. Da muss man etwas nachhaken, habe ich gelernt!
Manchmal meint sie

Kann ich in meinem Alter überhaupt noch etwas neues lernen?

Antwort: Ja, sofern der Kampf mit dem inneren Schweinehund es nicht verhindert.
Forschungsergebnisse hierzu findet man unter dem Stichwort „Neuroplastizität“.
Kurz zusammengefasst:

Die neuronalen Netzwerke des Gehirns reorganisieren sich durch intensive Lern- und Umwelterfahrungen bis ins hohe Alter.
Physische und geistige Aktivität erhöhen die Leistungsfähigkeit in den geübten Bereichen. Das ist für die Gesunderhaltung des Gehirns außerordentlich förderlich.

Gelegentlich ist auch gemeint:

Lohnt es sich, jetzt noch Singen zu lernen?

Antwort: Was heißt hier lohnen? Wenn es darum geht mit einer Fertigkeit anzugeben, Anerkennung dafür zu bekommen, dass man toll singen kann, dann lohnt es sich, sofern man fleißig übt, und sich richtig ins Zeug legt. Trotzdem frage ich mich, ob es im Erwachsenenalter noch gesund ist, den eigenen Selbstwert von der Anerkennung anderer abhängig zu machen. Extrinsische Motivation ist einfach nicht mein Ding! Wenn ich mich umschaue, vermute ich allerdings eine große Anzahl extrinsisch motivierter Menschen, deren Selbstwertgefühl an Statussymbolen hängt.

Erschreckend oft meint sie auch

Kann ich noch Profisängerin, reich und berühmt werden?

Antwort: Interessanterweise spekulieren damit vor allem Menschen ohne jegliche musikalische Vorkenntnisse, mit geringer Übe-Bereitschaft, aber offensichtlich VIEL FANTASIE…
Ich nenne es das Florence Foster Jenkins Syndrom!

In seltenen Fällen ist tatsächlich gemeint

Ob es physiologisch noch möglich ist Singen zu lernen, wenn man über 40, 50, oder 60 Jahre alt ist?

Auch hier habe ich gelernt nachzufragen, denn unter Singen lernen verstehen manche, dass Sie wieder genauso klingen wollen wie in ihren Zwanzigern. Sie suchen eigentlich eine Art stimmliche Verjüngungskur. Man sollte sich jedoch bewusst machen, dass die Stimme in JEDEM Lebensabschnitt von physiologischen, biologischen, psychogenen und äußeren Einflüssen abhängig ist, und man deshalb in jedem Alter ein wenig anders klingt.

Physiologische Einflüsse auf die Stimme sind

Körpertonus

Je älter wir werden, desto weniger bewegen wir uns in der Regel. Dadurch erschlafft die Muskulatur. Wir holen weniger Luft und die Stimme klingt müder oder angestrengt. Körperliche Unterspannung kann zu einer Schwächung der Kehlkopfmuskulatur führen. Das bewirkt, dass die Stimmlippen für die Tonbildung nicht mehr vollständig zusammengeführt werden können und die Stimme hauchig klingt (Hypofunktionelle Dysphonie).

Körperhaltung

Haben die Körperhaltungsmuskeln weniger Spannung, so richten sie den Körper weniger gegen die Schwerkraft auf. Wir fallen mehr in Richtung Erdanziehungskraft ein und landen in einer gebeugteren Haltung.

Vitalität

Nehmen wir körperlich weniger Energie wahr, so wirkt sich das auf unser gesamtes Wohlbefinden aus. Oft sinkt damit auch die Lebensfreude und die Motivation, Dinge anzugehen.

Kraft

Ist unsere Muskulatur in gesundem Maße ausgewogen trainiert, so ermöglicht uns das eine gute Aufrichtung, tiefe Einatmung und mehr Stimmleistung ohne Anstrengung. Wir fühlen uns energiegeladen.

Beweglichkeit

Wer rastet, rostet! Was wir nicht bewegen, wird im Laufe der Zeit steif. Viele wundern sich, dass die hohen Töne in zunehmendem Alter schwieriger erreichbar werden. Dabei ist ihnen nicht bewusst, dass sie ihre höhere Stimmlage ja auch deutlich weniger verwenden, als früher. Wahrscheinlich gibt es viele Aktivitäten, die man heute weniger macht, als früher.
In meinem Unterricht bekomme ich außerdem oft mit, wie stark sich an Körperbewegungen geknüpfte Schamgefühle manifestiert haben. Beckenkreisen oder einfaches Herumgehen im Raum kostet manche Menschen bereits große Überwindung. Viele denken ständig an ihr Aussehen und spüren sich wenig. Sonst würden sie wahrscheinlich auch bequemere Kleidung und flachere Schuhe tragen.

Biologische Einflüsse auf die Stimme in reiferem Alter sind

Wechseljahre bei Frauen. Östrogenmangel und die Produktion androgener Hormone verändern die Schleimhaut der Stimmlippen. Sie wird dicker und zäher. Die Kehlkopfschleimhaut kann aufgrund des Abbaus von Schleimhautdrüsen trockener werden. Insgesamt wird die gewohnte Sprechstimmlage bei Frauen ein wenig tiefer, bei Männern etwas höher. Außerdem kann es zu Verknöcherungen der Kehlkopfknorpel kommen. Auch ein Verlust der Elastizität des Bindegewebes vermindert eventuell die Beweglichkeit des Kehlkopfes.
Durch einen geringeren Tonus der äußeren Kehlkopfmuskeln kann es zu einer allgemeinen Absenkung des Kehlkopfes kommen.

Psychogene Einflüsse

Unsere Stimme ist in jedem Lebensabschnitt Ausdruck unserer Persönlichkeit, Stimmungslage, Emotion und Intention. Hierfür findet jeder selbst zahlreiche Beispiele.

Umwelteinflüsse

Staubige oder trockene Luft, Zigarettenrauch…. Alles, was der Schleimhaut schadet, ist gleichermaßen schlecht für die Stimme.

Fremdeinwirkung

Zahnverlust oder Zahnersatz kann zu Schwierigkeiten bei der Artikulation führen. Die Sprechwerkzeuge müssen sich erst an die neue Situation im Mundraum anpassen. Vor allem Laute, wie „s“ können erschwert sein, da die Zunge sich neu positionieren muss.

Fazit:

Die Stimme ist auch im Alter leistungsfähig und trainierbar!
Will man die Stimme trainieren, so kommt man niemals am Rest des Körpers vorbei.
Soll heißen: Der allgemeine Gesundheitszustand, die Vitalität und die innere Haltung spiegeln sich immer auch in der Stimme. Sie ist schließlich unser wichtigstes Kommunikationsmittel und Ausdruck unserer Befindlichkeit.

Gäbe es eine allgemeine Altersbegrenzung für Singen, so würden prominente Sänger in einem bestimmten Alter für immer die Bühne verlassen.
Statt dessen sang Ella Fitzgerald mit 73 Jahren nach mehreren Bypass-Operationen 5 Jahre vor ihrem Tod ihr letztes Konzert.
Weitere Beispiele für Singen in hohem Alter sind Barbara Streisand (*1942), Leonard Cohen (1934-2016), Juliette Greco (*1927), Plácido Domingo (*1941), Montserrat Caballé (1933-2018), José Carreras(*1946) und viele andere.

Für mich persönlich gibt es einen sehr wichtigen Grund zu singen, und mich solange wie möglich entsprechend fit zu halten: SINGEN MACHT GLÜCKLICH!
Da ist sich auch die Forschung einig.
Wenn man diese Glücksgefühle kennengelernt hat, hat der innere Schweinehund keine Chance mehr. Denn er ist dem Glück im Weg.

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