Das Problem mit der Langsamkeit

Denkt man an Langsamkeit, so verbindet man damit automatisch eine negative Bewertung. Langsamkeit ist höchstens beim Essen und im Urlaub positiv besetzt. Also dort, wo Genuss erlaubt ist, und alle Sinne sich entfalten dürfen. Ansonsten soll möglichst alles schnell gehen. Auch das Lernen.

Immer mehr Crashkurse sprießen aus dem Boden.
Crashkurse vermitteln: Lernen ist nur ein Mittel zum Zweck.
Egal wie: Etwas soll schnell auf unserer mentalen Festplatte landen!
Doch geht das? Schnelles Lernen? Dazu ein kleiner Erfahrungsbericht:

Mein Crashkurs, knapp am Crash vorbei!

Als ich mich im Alter von 21 Jahren, quasi auf den letzten Drücker, dazu entschlossen hatte den Führerschein zu machen, war mir klar: Ich möchte das Ganze möglichst schnell hinter mich bringen, und in kürzester Zeit endlich diesen Lappen im Portemonnaie haben.
Gemeinsam mit meinem guten Freund Michael meldete ich mich zu einer Ferienfahrschule an, um zügig intensiv Praxis und Theorie hinter mich zu bringen.
Ich hatte keinerlei Vorkenntnisse, bin weder durch Familienmitglieder oder Freunde in die Kunst des Fahrens eingewiesen worden, noch hatte ich je zuvor am Steuer gesessen.

Die kommenden Wochen waren der absolute Horror. Schon in der ersten Fahrstunde befand ich mich nach 5 Minuten mitten im Straßenverkehr, obwohl ich schon mit den Pedalen und der Schaltung völlig überfordert war. Von Spiegelblicken und allem außerhalb des Fahrzeugs ganz zu schweigen!
Bis zur Führerscheinprüfung hatte sich mein Gefühl nicht geändert. Ich war permanent gestresst und konnte zwischendrin nicht entspannen, weil ich täglich gefordert war.

Dann kam der Prüfungstag. Trotz gravierender Fehler wurde mir der Führerschein ausgestellt. Jetzt hatte ich also ruckzuck meinen Führerschein, konnte aber noch lange nicht fahren! Es hat Monate gedauert, bis ich mit Hilfe eines Freundes sicher genug war, alleine im Auto unterwegs zu sein. Insgesamt hat es weitaus länger gedauert, als hätte ich in aller Ruhe eine stinknormale Fahrschule besucht, und mich mit gutem Gefühl zur Prüfung angemeldet.
Mein Freund Michael hat übrigens auch bestanden. Er hat noch eins, zwei mal mit mir eine Runde auf dem Parkplatz gedreht, und ist danach nie wieder gefahren.
Und die Moral von der Geschicht?

Ein Crashkurs mag vielleicht dazu reichen, sich schnell ein paar Vokabeln einer Fremdsprache für einen Urlaub drauf zu schaffen, oder mit ein paar Wissensbrocken zu einem Fachthema so zu tun, als könne man mitreden, aber eine fundierte Fertigkeit erlangt man so nicht. Und Singen ist eine sehr differenzierte Fertigkeit.

Wenn der Weg im Weg ist

Wenn es jemand eilig hat, Singen zu können, so liegt das Interesse vielleicht mehr darin, etwas vorführen zu können und Applaus dafür zu bekommen, als in Kontakt mit sich und der eigenen Stimme zu kommen. Der Lernprozess wird in diesem Fall als notwendiges Übel betrachtet. Das eigentliche Ziel dabei ist, äußere Anerkennung zu bekommen.
Solche extrinsisch motivierten Persönlichkeiten kommen schwer in die Körperwahrnehmung. Sie beurteilen ständig, wie sie während einer Übung aussehen und klingen. Sie sehen und hören sich wertend von außen, statt wertfrei nach innen zu spüren, und die Stimme von da aus in Balance zu bringen. Erst wenn sie erkennen, dass es keine Abkürzung zwischen Ist-Zustand und Ziel gibt, und die Selbsteinschätzung realistisch wird, beginnt die eigentliche Stimmarbeit.

Diese ist dann besonders fruchtbar, wenn Lehrer*in und Schüler*in sich darüber austauschen, wie die noch ungewohnte Introspektion gelingt, und gemeinsam Strategien entwickeln, diese zu fördern. Das Erlernen von mehr Achtsamkeit wirkt sich darüber hinaus auch positiv auf den Alltag und die Lebensqualität aus. Wir spüren uns mehr, riechen, schmecken, sehen und hören bewusster und mit mehr Genuss.

Wenn durch Schnelligkeit Genauigkeit vermieden wird

Wenn man sich ein Leben lang erfolgreich durchgemogelt hat, warum die Strategie ändern? Nicht jeder geht Dingen gerne auf den Grund. Manche lieben Genauigkeit, Manche hassen sie. Oberflächlichkeit mag bequem sein, verhindert aber Können.
Man kann schlecht so tun, als könne man Töne treffen, hätte Stimmkontrolle, oder so tun, als wäre man rhythmisch sicher. Da hilft es auch nicht, mit ein paar schicken Fachbegriffen zu beeindrucken, denn Fertigkeiten lassen sich nicht faken. Egal wie charmant! Deshalb ist es auch Zeitverschwendung so zu tun, als wäre man lernbereit.

Lernbereitschaft erfordert Interesse an Differenzierung.
Differenzierung erfordert Genauigkeit.
Genauigkeit erfordert Langsamkeit.

Kein Fahranfänger könnte eine Rallye fahren!
Das Tempo lässt sich immer nur so weit steigern, wie es möglich bleibt, genau zu sein, und alle erforderlichen Parameter zu beachten.
Sonst würde man Ungenauigkeit und Fehlerhaftigkeit festigen. Und wer möchte das schon?

Sich die eigene Schlampigkeit einzugestehen ist der erste und wichtigste Schritt im Musikunterricht. Zu bemerken, wenn man vor Genauigkeit flüchtet und ungeduldig wird, ermöglicht die Entscheidung, wirklich ins Lernen zu kommen und deutliche Fortschritte zu machen. Diese kommen dann im Übrigen viel schneller.

Willst Du Singen lernen, oder gleich Singen können?
Bist Du realistisch im Hier und Jetzt, oder fantasierst Du von der Zukunft?

Wie wäre es damit, voller Aufmerksamkeit den nächsten kleinen Schritt zu tun, statt so viel Zeit damit zu verplempern, vom Gipfel zu träumen?
Dadurch lernst Du Dich selbst auch noch besser kennen und kannst gewohnte Verhaltensmuster ändern. Was für eine Chance!

Wenn Du merkst, dass Du ungeduldig bist, versuche doch mal herauszufinden, warum das so ist. Es ist oft erstaunlich, was man so über sich selbst selbst erfährt, wenn man der Sache auf den Grund geht. Oder fehlt dir die Geduld, Deine Ungeduld zu erforschen? Das wäre schade. Denn vielleicht könntest Du dann die Eile entspannt an Dir vorüberziehen lassen.

Fazit

Schnelligkeit macht Töne nicht treffsicherer, Timing nicht besser, oder die Stimme differenzierter. Schnelligkeit deutet nur auf Ungeduld und Vermeidung des eigentlichen Lernprozesses hin.
Ohne realistische Selbsteinschätzung, innere Beteiligung und eigenständiges Üben bleibt das Ziel nur Zukunftsmusik.
Lernen tut nicht weh. Man muss es nicht hinter sich bringen. Lernen kann genauso erholsam sein, wie ein Urlaub, oder genussvoll, wie ein gutes Essen. Man muss sich nur die Zeit nehmen und “hinschmecken”.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.